Interview"So erreichen wir das Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen, auch bis 2020 nicht!" - Interview mit J.Hoffmann, B.K. Klatt, M. Flade, S. Möckel und G. Pe'er

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WOR Dr. Dr. Jörg Hoffmann (Julius Kühn-Institut), Dr. Björn Krisitan Klatt (Universität Göttingen), Dr. Martin Flade (Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg) sowie Dr. Stefan Möckel und Dr. Guy Pe'er (beide UFZ)
WOR Dr. Dr. Jörg Hoffmann (Julius Kühn-Institut), Dr. Björn Krisitan Klatt (Universität Göttingen), Dr. Martin Flade (Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg) sowie Dr. Stefan Möckel und Dr. Guy Pe'er (beide UFZ)

EU-Agrarpolitik

Im NeFo-Interview: WOR Dr. Dr. Jörg Hoffmann (Julius Kühn-Institut), Dr. Björn Krisitan Klatt (Universität Göttingen), Dr. Martin Flade (Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg) sowie Dr. Stefan Möckel und Dr. Guy Pe'er (beide Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ)

Im vergangenen Jahr hatte NeFo Biodiversitätsexperten im Forschungsnetzwerk dazu aufgerufen, ihre wissenschaftliche Einschätzung zu den Vorschlägen der EU-Kommission zur GAP-Reform einzubringen. Über 20 Forscherinnen und Forscher beteiligten sich an der Erstellung des Faktenblattes, das NeFo unter dem Titel „Scientific Arguments for a biodiversity richer Common Agriculture Policy (CAP)" auf der eigenen Webseite bereitstellt (s.u.).

Das Faktenblatt wurde auch breit an die EU-Parlamentarier gestreut. Die Abstimmungsergebnisse zeigen jedoch, dass die wissenschaftlichen Einschätzungen wenig Beachtung fanden. In einem Aufruf von NeFo zu Kommentaren zeigten sich die beteiligten Wissenschaftler enttäuscht über die Ergebnisse und sagen eine weiter beschleunigte Talfahrt der biologischen Vielfalt im Kulturland voraus.

Was ist Ihre erste persönliche Reaktion zu den Ergebnissen der EU-Parlamentsabstimmung?

Pe'er: Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass es keine Möglichkeiten gab, dieses Ergebnis zu beeinflussen, und das trotz einer der größten gemeinsamen Kampagnen aus der Naturschutzszene überhaupt. Gerade als Biodiversitätsforscher hätte ich gern die Möglichkeit gehabt, mich im Vorfeld der Abstimmung am Prozess zu beteiligen. Das gesamte Wissen über die Auswirkungen der bisherigen Praxis und auch die nötigen Änderungen für eine nachhaltigere Landwirtschaft ist bereits vorhanden. Es wurde schlicht und ergreifend ignoriert. Nun werden wir in sieben Jahren wohl feststellen müssen, dass die 2020-Ziele des Übereinkommens zur biologischen Vielfalt (CBD), den Verlust der Biodiversität bis zum Ende der Dekade zu stoppen, verfehlt wurden.

Flade: Enttäuschung und Ärger, weil damit schon wieder die Landwirtschaft im Wesentlichen aus der Pflicht genommen wird. Das Prinzip "öffentliche Gelder für gesellschaftliche (Ökologische, soziale) Leistungen" wird wieder über Bord geworfen. Auf diese Weise wird eine ökologisch und sozial gerecht ausgerichtete Landwirtschaft nie gelingen. 

Hoffmann: Dieses Abstimmungsergebnis steht den Biodiversitätszielen der EU für 2020 entgegen. Eine Unkenntnis der Parlamentarier kann man - denke ich - ausschließen, sodass man hier ein bewusst schädliches Abstimmungsergebnis für nationale sowie europäische Interessen unterstellen kann.

Möckel: Für mich persönlich ist diese Entscheidung keine Überraschung, da an den vorgeschlagenen höheren Umweltstandards ein Jahr geschliffen wurde. Für mich sind die Direktzahlungen insgesamt ein Auslaufmodell, da es für Landwirte bei steigenden Preisen für Agrarerzeugnisse und gleichzeitig steigenden Cross Compliance Anforderungen bzw. Umweltprämienanforderungen ökonomisch immer attraktiver wird, auf Direktzahlungen ganz zu verzichten und Umweltauflagen so zu entgehen. Deshalb ist es wichtig, die Umweltanforderungen der ersten Fördersäule ins normale Ordnungsrecht zu übertragen, wo sie rechtssystematisch als ökologische Mindeststandards hingehören.

Klatt: Die entschiedenen Maßnahmen werde nicht ausreichen um eine dauerhafte Erhaltung der Biodiversität und damit ökonomisch und sozial wichtiger ökosystemarer Dienstleistungen zu erhalten. Stattdessen wird die Intensivierung der Landwirtschaft weitergetrieben werden. Das angestrebte Ziel den Landwirt auch als Landschaftsgestalter in die Pflicht zu nehmen (und viele Landwirte mit denen ich zusammenarbeit, sehen sich auch in dieser Pflicht) ist verfehlt worden.
 

Welche Konsequenzen sehen Sie für die weitere Entwicklung der Biologischen Vielfalt in der Europäischen Kulturlandschaft aufgrund von aktuellen Forschungsergebnissen?

Flade: Der Verlust der biologischen Vielfalt wird weitergehen und sich noch beschleunigen. Die bereits für 2010 gesetzten und noch einmal auf 2020 verschobenen Ziele der Staatengemeinschaft, den Rückgang zu stoppen, rücken damit endgültig in unerreichbare Ferne. Einige Artengruppen, z.B. offenlandbrütende Feldvögel, werden in dramatischem Tempo verschwinden.

Möckel: Die Entwicklung wird weiterhin schleppend verlaufen. Andererseits hätten bei 7 Prozent ökologischer Vorrangfläche und dreigliedriger Furchtfolge, wie sie die Kommission vorgeschlagen hatte, wahrscheinlich viele Landwirte sowieso auf die Umweltprämie (in Deutschland ca. 90 €/ha im Jahr) verzichtet und nur die Grundprämie beantragt. Insofern könnte der abgesenkte Standard vielleicht mehr Landwirte bewegen, sich überhaupt diesem Standard zu unterwerfen.

Hoffmann: Die Nationalen Bioindikatoren wie Vogelindikator und HNV für Agrarland zeigen eindeutig einen Abwärtstrend der Artenvielfalt an. Eine weitere Nutzungsintensivierung im Ackerbau, die mit Klimaschutz- und Bioenergiezielen begründet wird, wird also zu einer weiteren Verarmung der Artenvielfalt (Segetalflora, Avifauna) führen.

Pe'er: Das gesamte Konzept ist von nord-west-europäischem Denken geprägt. In diesem Raum gibt es kaum noch vielfältige Landstriche. Vergessen wird, welch reiche und vielfältige Naturräume die neuen Mitgliedstaaten und die Mittelmeerstaaten haben. Die GAP-Reform gefährdet die jahrelangen Bemühungen, den Verlust von Biodiversität aufzuhalten. Wir brauchen keine weitere Forschung, um dies zu belegen – das ganze Wissen ist da. Dennoch gibt es noch immer sehr viel, was wir Forscher tun können.
Was letztendlich über Erfolg oder Misserfolg des Kampfes gegen den Verlust der biologischen Vielfalt entscheidet ist, wie die GAP umgesetzt wird. Für die Umsetzung könnten verschiedene Werkzeuge entwickelt werden, beispielsweise für die Identifizierung von Schutzgebieten und für die Reduktion von Konflikten zwischen Nutzung und Schutz sowie zum Ausbau von Kooperationen. Erfahrung aus dem internationalen TEEB-Prozess können hier mit einfließen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Stärkung von sozio-ökonomischen und Bottom-up-Ansätzen. Eine ganz wesentliche Aufgabe wird es sein, alle gesellschaftlichen Beteiligten zu identifizieren, Bewusstsein zu schaffen, das relevante Wissen zu Verfügung zu stellen und die Politik dahingehend zu begleiten, dass sie sich stärker an Nachhaltigkeitskriterien orientiert.

Klatt: Die Entscheidungen begünstigen eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft. Die Dezimierung der Anzahl der Fruchtfolgen wird größere Monokulturen hervorrufen und vor allem zu einem vermehrten Schädlingsdruck führen. Da die Habitate für potentielle biologische Schädlingsbekämpfer (Spinnen, Parasitoide) nicht in ausreichender Menge und Konnektivivität vorhanden sind oder sein werden, können wir mit einem erhöhten Pestizideinsatz rechnen, der wiederum eine Gefahr für die Artenvielfalt und erhebliche Mehrkosten für den Landwirt darstellt.

 

Welche Mindestanforderungen an das Greening der GAP gibt es aus wissenschaftlicher Sicht?

Pe'er: Welches Greening? Es ist sehr schwierig, die gemeinsame Agrarpolitik nachhaltiger zu machen, wenn sich die EU gegen notwendige Reformmaßnahmen stemmt. Wir können höchstens versuchen, die Stakeholder in der Umsetzung zu beeinflussen um die Schäden dieser Politik so klein wie möglich zu halten. Unsere Forderung für landwirtschaftliche Standards vor der Abstimmung war, a) den bestehenden Grünlandanteil nicht noch weiter abzubauen und b) die Artenverarmung der Kulturlandschaften zu stoppen. Man kann nicht erst erlauben, natürliche Lebensräume zu vernichten und dann danach suchen lassen, wo sie nicht hätten zerstört werden sollen.

Möckel: Das Greening der GAP muss im europäischen Umweltrecht (Ordnungsrecht) umgesetzt werden und weg von Beihilferecht der ersten Säule. Die Direktzahlungen sollen ja die Einkommen der Landwirte sichern und sind keine Kompensation für Umweltauflagen, wie oft fälschlicherweise dargestellt wird. Mittel- bis langfristig sollte ökologischer Landbau nach VO 834/2007 allgemeiner verbindlicher Standard für sämtliche Landwirtschaft in der EU werden. Alles andere ist aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten unzureichend.

Hoffmann: Betrachtet man die als Bioindikatoren fungierenden Vogelarten der Agrarlandschaft, dann sind bei den jetzigen Nutzungsintensivierungen 7 Prozent ökologische Vorrangflächen noch nicht ausreichend, will man die Biodiversitätsziele 2020 wirklich erreichen. Eigene Forschungsergebnisse zeigen hier eher einen Bedarf von über 10 Prozent für die Mehrzahl untersuchter Indikatorvogelarten. Bezüglich der Anbaudiversifizierung sind 70 Prozent als Obergrenze sowieso irrelevant, um Biodiversitätsziele bei Intensivkulturen zu realisieren. Für eine dreigliedrige Fruchtfolge sollten 33 Prozent Flächenanteil einer Frucht nicht überschritten werden. Analysiert man Revierflächenansprüche von Indikatorvogelarten, erscheint aber auch dieser Flächenanteil für einzelne Anbaufrüchte zu hoch.

Flade: Das sehe ich genauso. Wir brauchen mindestens zehn Prozent Ökologische Vorrangflächen, Ökologische Vorrangflächen und Ökolandbau müssen zusammen einen größeren Flächenanteil haben als Intensivstkulturen wie Mais, und die 2. Säule der GAP muss substanziell gestärkt werden.

Klatt: Aus Sicht der Bestäuber ist eine ausgewogene Landschaft am sinnvollsten. Aktuelle Studien zeigen, dass Wildbienen hier eine tragende Rolle spielen. Bodenbrütende Wildbienen benötigen gestörte Bereiche, höhlenbrütende Wildbienen Hecken mit vor allem viel Totholz. Alle sind angewiesen auf eine permanente Nahrungsversorgung während der gesamten Lebensphase. Massentrachten wie z. B. Raps sind daher nur kurzfristig als Nahrung geeignet, und folgende Nahrungsressourcen (Brachen, extensiv bewirtschaftetes Grünland, Kalkmagerasen, Hecken, Blühstreifen) stehen dann kaum zur Verfügung. Deshalb brauchen wir Maximalgrößen von Feldern. Der Anteil natürlicher Habitate sollte proportional zur Feldfläche steigen und verbunden sein, z.B. durch Blühstreifen an allen Feldrändern. Und wir brauchen einen höheren Anteil mehrjähriger Brachen. Das ist alles sicherlich im Gießkannenverfahren schwer durchsetzbar. Von daher wären individuellere Lösung mit Beachtung der örtlichen Gegebenheiten (auch unter Beachtung abiotischer Faktoren wie z. B. Klima, Hangneigung, etc.) deutlich sinnvoller.

 

Warum sollte die Biodiversität von Agrarlandschaften von gesamtgesellschaftlichem Interesse sein?

Hoffmann: Biodiversität ist die Grundlage für zukunftsfähige, nachhaltige Landwirtschaft - ganz einfach.

Klatt: 35% unserer Nutzpflanzenproduktion bzw. 84 % der Nutzpflanzen in der EU sind von Bestäubung abhängig, Tendenz steigend. Eine Verringerung der Diversität und damit der ökosystemaren Dienstleistungen wirkt sich ökonomisch und sozial negativ aus.

Möckel: Die Landwirtschaft nutzt immerhin 50 Prozent der terrestrischen Fläche Deutschlands und beeinflusst vielfältige Ökosystemleistungen, die meisten negativ. Das bedeutet eine enorme gesellschaftliche Verantwortung.

Flade: Es geht hier um Lebensqualität und Funktionsfähigkeit von Ökosystemen, von deren Leistungen nicht nur die Landwirtschaft abhängt. Agrarlandschaften, die zu artenarmen und für wildlebende Tier- und Pflanzenarten kaum mehr besiedelbaren "ökologische Wüsten" degradiert werden, bieten keine Lebensqualität mehr und zeigen außerdem ein Überlastung der natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser, Luft und eine Überforderung der Belastungsgrenzen der Ökosysteme an.

Pe'er: Die Frage sollte eher lauten: Verbringen die Menschen ihre Ferien vorrangig in Agrarwüsten? Wenn ja, wo? Die Antwort darauf ist doch, dass wir gerne unsere Wochenenden an Orten verbringen die Ursprünglichkeit ausstrahlen, sei es bezogen auf traditionelle Landbauweisen (in heterogenen diversen Landschaften), schöne Blumen (also Biodiversität) und schöne Wanderwege zur Erholung. Gibt es das alles in unserer Gegend, können wir frohgemut ein schönes Wochenende dort verbringen.
Wenn es diese Orte nicht mehr gibt, nehmen wir das Flugzeug, verschleudern eine Menge CO2 und Geld, um uns woanders im Grünen zu entspannen. Biodiversität bedeutet nicht nur Ökosystemleistungen für Landwirte wie Bestäubung, Schädlingskontrolle, sauberes Wasser und Bodenfruchtbarkeit, sondern auch einen Wert für Familien und Gemeinden (u.a. durch Einkommensmöglichkeiten im Ökotourismus und Ökolandbau). Diese Vielfalt, nicht nur biologische sondern auch strukturelle und kulturelle, muss erhalten werden. Ansonsten verkommen unsere Landschaften zu reinen Produktionsstätten für Nahrungsmittel oder Energieträger – mit Mitteln der Steuerzahler, die sich hier gerne erholen würden.

Das Interview führte Sebastian Tilch