InterviewVolksbegehren „Rettet die Bienen“

„Ich halte es für unverantwortlich, als WissenschaftlerIn nicht aktiv zu werden“
Im NeFo-Interview: 
Dr. Maiken Winter, Biologin und Mitinitiatorin des Volksbegehrens

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Dr. Maiken Winter
Foto: ÖDP Weilheim

Es waren wohl vor allem die Zahlen des Entomologischen Vereins Krefeld zum Insektensterben (Hallmann et al. 2017), die die Problematik des Verlustes der biologischen Vielfalt ins kollektive Bewusstsein  gerückt haben. Über 75 Prozent ist die Biomasse an Fluginsekten in deutschen Naturschutzgebieten in 27 Jahren zurückgegangen. Das hat wachgerüttelt - und entsprechend hoch sind auch die Zahlen der Menschen, die jetzt Taten sehen wollen: 88 Prozent der Deutschen wünschen sich, dass Böden, Wasser und Artenvielfalt durch die deutsche Landwirtschaftspolitik besser geschützt werden sollten, 72 Prozent sogar auch dann, wenn sie dadurch höhere Preise für Nahrungsmittel bezahlen müssten, um Landwirte dabei zu unterstützen. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des WWF Deutschland von 2017, bei der über 2000 Bürgerinnen und Bürger befragt wurden.

62 Prozent der Befragten sahen einen wesentlichen Nachbesserungsbedarf auf Seiten der Landwirtschaftspolitik. Das sieht auch die Wissenschaft so, etwa der Weltbiodiversitätsrat IPBES, der in seinem ersten Bericht zur Lage und Bedeutung der Bestäuber Maßnahmen zur Verbesserung vorschlägt. Die Agrarpolitik wird maßgeblich von der EU bestimmt, die den Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen durch die Förderpolitik mit Milliarden Euro von Steuergeldern lenkt. Doch der aktuelle Entwurf der Gemeinsamen Agrarpolitik für die kommenden sieben Jahre ab 2021 zeugt nicht gerade von großem Interesse der Entscheidungsträger für die wissenschaftlichen Erkenntnisse noch für die Wünsche der Bevölkerung. Und das sehen nicht nur Naturschutzorganisationen und nahestehende Parteien so. Auch der EU-Rechnungshof mahnte voriges Jahr an, dass die vorgeschlagene Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik für die Zeit nach 2020 den „ehrgeizigen Bemühungen der EU um einen umweltfreundlicheren und stärker leistungsgestützten Ansatz“ nicht gerecht würde.

Auf Bundesebene hat die Bundesregierung zwar ein Konzept für ein "Aktionsprogramm Insektenschutz" vorgestellt, allerdings schlägt sie in der bisherigen Fassung vor allem Maßnahmen in den nicht genutzten Flächen vor und scheut sich weitgehend davor, die Landwirte auch in der Produktion in die Pflicht zu nehmen, wie es etwa der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem Gutachten für notwendig hält.

Die Ökologisch-Demokratische Partei ÖDP in Bayern will dem Willen der Bevölkerung nun zu einem stärkeren Gewicht verhelfen und hat das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ initiiert. Damit wollen die Initiatoren den Schutz und die Erhaltung aller in Bayern lebenden Arten erreichen. Zehn Prozent der Wahlberechtigten müssen sich innerhalb der zwei Wochen vom 31. Januar bis 13. Februar in Unterschriftenlisten in ihren Rathäusern eintragen. Dann darf die ÖDP der Regierung einen Gesetzesentwurf vorlegen, der wesentliche Maßnahmen vornehmlich in der Landwirtschaft vorsieht. 160.000 haben dies bereits am ersten Tag getan.

Eine der Initiatorinnen und wissenschaftlichen Begleiterinnen ist die Biologin Dr. Maiken Winter, selbst ÖDP-Mitglied und Fachsprecherin für Ornithologie beim Volksbegehren. Winter hat lange Jahre an der Cornell Universität, Lab of Ornithology vor allem zu Auswirkungen der Zerschneidung von Lebensräumen auf Populationen von Feldvögeln gearbeitet. Im NeFo-Interview erzählt sie, welche Rolle WissenschaftlerInnen beim Volksbegehren spielen und spielen sollten.

 

NeFo: Frau Winter, welche sind die Hauptforderungen des Volksbegehrens für einen Politikwechsel hin zu einem effektiven Insektenschutz?

Winter: Es geht uns nicht „nur“ um den Insektenschutz – wobei dieser natürlich sehr wichtig ist, da Insekten an der Basis der Nahrungskette stehen. Es geht uns um die Erhaltung der gesamten Artenvielfalt in Bayern. Denn leider gehen ja nicht „nur“ Populationen der Insekten zurück, sondern auch die vieler Pflanzen- und anderer Tierarten.
Unsere wichtigsten Forderungen sind:

  1. Ausbau der Ökolandwirtschaft auf 30% der landwirtschaftlich genutzten Fläche bis 2030
  2. Ausbau der Biotopvernetzung des Offenlandes auf 13% bis 2027
  3. Schaffung von Blühwiesen auf 10% der Grünlandflächen, indem erst nach dem 15. Juni gemäht wird.
  4. Jährliche Berichte über den Status des Ausbaus der Ökolandwirtschaft und der Biotopvernetzung.
  5. Schutz der Gewässerrandstreifen – inzwischen eine Selbstverständlichkeit in allen Bundesländern außer Bayern

Alle Forderungen und Infos dazu sind unserer Webseite www.volksbegehren-artenvielfalt.de nachzulesen.

NeFo: Sind diese Forderungen aufgrund wissenschaftlicher Evidenz bzw. in Kooperation mit Forschungspartnern entstanden?

Winter: Alle unsere Aussagen basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Davon gibt es reichlich, besonders in Bezug auf Populationsveränderungen bei Pflanzenarten, Insektengruppen, Vogelpopulationen sowie bei Vergleichen zwischen konventionellen und ökologisch bewirtschafteten Betrieben.
Tatsache ist, dass bei uns in Bayern – wie in vielen anderen Regionen - die stärksten Populationsrückgänge im Offenland stattfinden. Dies ist bei Feldvögeln schon seit Jahrzehnten bekannt. Feldvögel sind in ihrem Bestand inzwischen um mehr als die Hälfte zurückgegangen; manche Arten um mehr als 80 Prozent - wie der Kiebitz oder das Rebhuhn. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Feldlerche dieses Jahr zum zweiten Mal zum Vogel des Jahres gekürt wurde – Ihr Bestand ist in den letzten 30 Jahren um mehr als ein Drittel geschrumpft. Und das bei einer der früher häufigsten Arten der offenen Flur!

Die Hauptursachen dieser Rückgänge sind die Intensivierung der Landwirtschaft mit ihrem frühen und häufigen Mähen, übermäßiger Pestizid- und Düngemitteleinsatz und die Zerstörung und Verinselung von Habitaten. Da in Bayern 44 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt werden, ist es naheliegend, dass sich das Volksbegehren vor allem auf den Schutz der Natur im Offenland fokussiert. Dabei bezichtigen wir nicht den einzelnen Bauern, Schuld am Artenrückgang zu haben. Aber die Bauern tragen eine große Verantwortung, unser Gemeinwohl – sauberes Wasser, Artenvielfalt, und die Erhaltung der Böden – zu sichern. Darin wollen wir sie unterstützen, indem wir Zielvorgaben setzen, die mit entsprechenden Fördermaßnahmen erreicht werden können.

NeFo: Ist denn völlig sicher, dass der Ökolandbau zu den gewünschten Verbesserungen führt?

Winter: Es gibt weltweit viele Studien, die belegen, dass ökologisch betriebene Landwirtschaftsflächen eine höhere Artenvielfalt und höhere Populationsdichte haben als konventionelle Betriebe. Dazu hat das Thünen Institut vor kurzem eine neue Studie veröffentlicht. (Darin werden über 500 Studien analysiert, die ökologische und konventionelle Betriebe vergleichen. Das Ergebnis zeigt eindeutig, dass sich der Ökolandbau positiv auf die Biodiversität auswirkt. So sind im Schnitt die Artenzahlen der Ackerflora um 95 Prozent höher als im konventionellen Landbau, die der Feldvögel um 35 Prozent und der blütenbesuchenden Insekten um 23  Prozent höher.

NeFo: Wird der Weltbiodiversitätsrat IPBES, der ja 2016 seinen ersten Bericht zur Lage und Rolle der Bestäuber weltweit herausgebracht hat, in der Vorbereitung solcher Kampagnen als Quelle wahrgenommen und genutzt?

Winter: Uns ist der Bericht natürlich bekannt, wurde aber bisher nicht genutzt. Wir haben genügend Forschung von Wissenschaftlern vor Ort, die für eine bayrische Kampagne aussagekräftiger sind.

NeFo: Biodiversität ist ja nach wie vor ein sperriger Begriff und auch das Volksbegehren wirbt vor allem mit dem Schutz der Bienen, die ja nur einen Teil der Bestäubungsleistung und einen noch kleineren Teil der Insekten generell ausmachen. Haben Sie den Eindruck gewinnen können, dass die Mehrzahl der Menschen verstanden hat, um was es geht, wenn die Insekten verschwinden?

Winter: Ja, ich glaube allein dafür hat sich unsere Kampagne schon gelohnt. Die Biene ist ein sehr großer Sympathieträger, und über sie kann man gut über Biodiversität, Populationsrückgänge und die Rolle von Bestäubern und anderen Lebewesen für uns Menschen sprechen. Während zu Beginn der Kampagne relativ wenige Menschen Interesse zeigten, hat sich das inzwischen vollkommen geändert.

NeFo: Wer erstellt diesen Gesetzesentwurf? Wie sieht da der Prozess aus und ist dabei auch eine Beteiligung der Wissenschaft vorgesehen?

Winter: Das Gesetz wurde mit Hilfe von Wissenschaftlern, Bauern, ÖDP-Politikern und einer Rechtsanwaltskanzlei erstellt. Ich war bei diesem Prozess nicht dabei und kann daher nicht viel dazu sagen. Ich weiß nur, dass sämtliche Naturschutzgesetze der verschiedenen Bundesländer durchforstet wurden, um zu sehen, was woanders schon praktiziert wird und was bei uns noch fehlt. Andere Bereiche wurden zusätzlich noch aufgestockt, so dass wir, wenn wir erfolgreich sind, das progressivste Naturschutzgesetz in Deutschland haben werden.
Wichtig ist zu verstehen, dass Volksbegehren nur Zielvorgaben setzen können. Unsere Forderungen sind also Ziele, die wir erreichen wollen.  Wie diese Ziele erreicht werden, dürfen wir nicht ansprechen, da wir keinerlei Einfluss auf die Finanzen haben dürfen. Die Maßnahmen, mit denen die Zielvorgaben erreicht werden können (z.B. Ausgleichszahlungen) werden daher erst nach dem Erfolg des Volksentscheids von der Regierung erarbeitet. Leider wird das nun vom Bauernverband so vermittelt, als ob wir Bauern enteignen oder zu Maßnahmen zwingen wollen – eine mutwillige Falschaussage um Bauern zu verunsichern.

NeFo: Welche Akteure aus der Wissenschaft sind aus Ihrer Sicht an diesem Prozess notwendig und warum?

Winter: Natürlich sind ExpertInnen der verschiedenen Pflanzen- und Tiergruppen notwendig, um das Ausmaß und die Ursachen des Rückgangs eindeutig festzustellen. Daher haben wir auch Fachsprecher für Botanik, Insekten, Limnologie, Bienen und Vögel. Zusätzlich haben wir auch eine Vielzahl von Wissenschaftlern, die uns fortgehend bei Fragen berät, u.a. Professoren für Landwirtschaft – aber auch Bauern und Imker sind beteiligt, um die Notwendigkeiten vor Ort und die Machbarkeit unserer Forderungen abwägen zu können. Hier haben uns übrigens einige Biobauern gesagt, dass die Forderungen ruhig stärker hätten sein können. Uns war ein Kompromiss zwischen effektivem Naturschutz und Machbarkeit sehr wichtig, um den Bauern klar zu zeigen, dass wir mit ihnen, nicht gegen sie arbeiten wollen. Leider schafft es aber gerade der Bauernverband in einer recht unseriösen Weise, Falschinformationen zu verbreiten, die viele Bauern verunsichern.

NeFo: Sie sind ja selbst auch Wissenschaftlerin. Die Forschung möchte ja als neutrale und interessenunabhängige Instanz mit hoher Glaubwürdigkeit betrachtet werden. Wie vereinbaren Sie eine starke Tätigkeit als Aktivistin und als Forscherin?

Winter: Wir sind inzwischen in der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen so weit vorangeschritten, dass ich es für unverantwortlich halte, als WissenschaftlerIn nicht aktiv zu werden. Basierend auf unserem Wissen über den Rückgang der Biodiversität (und übrigens auch die Nähe an klimatischen Kipp-Punkten) ist es in unserer Verantwortung, alles zu tun, eine Katastrophe zu verhindern. Wer sonst soll aufstehen und überzeugend für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen sprechen als die Menschen, die sich am meisten mit der Materie befasst haben und Falschaussagen und wissenschaftliche Fakten auseinanderhalten können?
Zum Glück gibt es auch viele sehr gut informierte Laien, die sich für unsere Zukunft einsetzen. Aber meiner Meinung nach ist es an der Zeit, dass alle Wissenschaftler, die verstehen, um was es geht, sich selbst ganz klar positionieren. Davon gibt es ja schon einige – wie z.B. Dr. Andreas Segerer von der zoologischen Staatssammlung oder Prof. Berthold, ehem. Direktor des MPI für Ornithologie. Ich bin bei weitem nicht  die Einzige, die Wissenschaft und Aktivismus vereint. Zum Glück!

Das Interview führte Sebastian Tilch

Infos zum Volksbegehren auf dessen Webseite www.volksbegehren-artenvielfalt.de.

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