Rollen von Expertinnen und Experten in Schnittstellen

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Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik

Früher war das Verständnis des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik recht einseitig: Die Forschung liefert Wissen (oder vielleicht sogar Wahrheit?), die Politik entscheidet, was sie damit in ihrer Entscheidung (und mit ihrer Macht?) macht. Im englischen Fachjargon heisst dieses einseitige Modell auch "truth speaks to power" (Wahrheit spricht zur Macht). Es gibt auch weiterhin Situationen, wo ein solches Modell Gültigkeit besitzt und sinnvoll genutzt wird, aber bei komplexen Themen wird diese Rollenverteilung mehr und mehr hinterfragt, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mehr und mehr zu Dialogpartnern von Politik und anderen Akteurinnen und Akteuren in einem transdisziplinären Sinne.  

Welche Rollen?

Der Schnittstellen-Forscher Roger Pielke Jr. hat die verschiedenen Rollen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wahrnehmen können in seinem Buch "The honest broker" in vier Kategorien zusammengefasst:

  • als reiner Wissenschaftler/in liefert man (recht passiv) sein Wissen ab und überläßt es (politisch) Interessierten, dieses Wissen zu nutzen.
  • als wissenschaftlicher Consultant antwortet man gezielt auf spezifische Anfragen (etwa auf Ausschreibungen)
  • als Themenadvokat unterstützt man (bewusst) eine Seite einer politischen Debatte mit seinem Wissen
  • als ehrlicher Vermittler von Politikalternativen versucht der oder die Forschende, Szenarien und Folgen von Maßnahmen und Handlungsoptionen aufzuzeigen und den Optionsraum dabei mit anderen Akteuren zu entwickeln.  

Dabei sind die Übergänge zwischen diesen Rollen fließend. Viele Biodiversitätsforschende werden sich schon einmal in der ein oder anderen Rolle wiedergefunden haben, ob bewusst gewählt oder aus einer Tätigkeit heraus zugetragen. Dabei muss man sich auch nicht zwangsläufig dauerhaft für ein Rolle entscheiden. Als Forschender mag man mit seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen weiterhin "reiner Wissenschaftler" bleiben, sich aber durch Aufträge etwa eines Amtes auch als Consultant mit Politikfragen beschäftigen oder aber durch Mitarbeit an einem integrierten Assessment in die Rolle des "ehrlichen Maklers" begeben. Wichtig ist, dass man sich der jeweiligen Rolle bewusst ist, nicht zuletzt auch, um dem möglichen Mißbrauch von Ergebnissen oder der eigenen Person vorzubeugen.

Gremien definieren Rollen

Politikberatung durch die Wissenschaft ist nichts neues, sie ist durch diverse Strukturen und Gremien vielfach etabliert. Die Gremien definieren dann auch vielfach bereits, welche Rolle die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einnehmen: Als MItglied in einem Expertengremium kann man zumeist als "reine/r Wissenschaftler/in" agieren, wenn das Gremium durch eine wissenschaftliche Institution eingesetzt wird (etwa eine Akademie oder eine Fachgesellschaft), oder die Politik ein Gremium zwar einsetzt, seine fachliche Arbeit aber nicht beeinflusst. Zum "ehrlichen Makler" wird man hingegen eher in offeneren Assessmentprozessen, wo Politik und andere Akteure an verschiedenen Stellen des Arbeitsprozesses eingebunden werden, etwa bei der Entwicklung und Konkretisierung eines Themas zu Beginn, bei der Kommentierung von Entwurfstexten der wissenschaftlichen Beteiligten oder bei Endverhandlungen von Schlussfolgerungen, wie etwa im Falle von IPBES und IPCC Assessments.

Wenn man also als Forscherin oder Forscher ein bestimmtes Vorverständnis von Politikberatung hat, ist es ratsam, genau hinschauen, wie das betreffende Gremium funkioniert, um anschließend nicht über die eigene Rolle enttäuscht zu sein, siehe z.B. die verschiedenen Beteilgungsmöglichkeiten in IPBES.