Wird es ein Assessment zu invasiven Arten geben?

[Hintergrund]

von Katrin Vohland, NeFo, Museum für Naturkunde Berlin - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung

Was zählt überhaupt dazu, zu den invasive alien species (IAS)? Definitionsfragen werden im IPBES Kontext sehr intensiv verhandelt, weil es immer weitreichende Implikationen dahingehend hat, wer überhaupt zuständig ist – und also für mögliche Maßnahmen aufkommen muss. Klar ist allen, dass invasive Arten ein großes Problem darstellen; oft werden einheimische Arten verdrängt, neue Krankheiten wie jetzt Zika oder Ernteschädlinge breiten sich aus, auch mit gravierenden negativen ökonomischen Folgen. Ein Assessment zu diesem Thema zu beschließen, enthielte also auch implizit eine Priorisierung dieses Themas.

Auf IPBES 3 wurde beschlossen, ein Scoping Dokument für ein Assessment zu invasiven Arten zu erstellen, welches durch die Arbeit eines multidisziplinären Expertengremiums entstand und jetzt auf IPBES 4 verhandelt wird. Dabei geht es zum einen um die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt ein solches Assessment geben wird, und wenn, wann, weil pro Assessment mit einigen Hunderttausend Euro gerechnet wird. Und zum anderen, wie breit das Assessment inhaltlich durchgeführt werden soll, welchen Raum beispielsweise die gesundheitlichen Aspekte auch im Bereich der Tiergesundheit einnehmen, und ob es Synergien oder Konflikte mit dem Aufgabenfeld der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geben kann.

Der vorgeschlagene Titel des Assessments lautet „Scoping for a thematic assessment of invasive alien species and their control” (deliverable 3b (ii)) [pdf]. Aber folgt man der Definition von IUCN, ist es bereits eine intrinsische Eigenschaft invasiver Arten, dass sie nicht heimisch sind: „An invasive species is a species that has been introduced to an environment where it is non-native, or alien, and whose introduction causes environmental or economic damage or harm to human health”. Also invasive und alien doppelt gemoppelt. Darüber hinaus wären auch die negativen Folgen invasiver Arten Teil dieser Definition. Fremde Arten können durchaus positive Effekte haben, wie beispielsweise bestimmte Nutzpflanzen; sie können aber invasiv werden, wenn sie die für sie vorgesehenen Flächen verlassen. Manchmal ist es auch nicht ganz leicht, Dinge eindeutig zu bewerten. Während der Nilbarsch für die lokalen Ökosysteme ein Desaster ist, beschert er den Fischern (noch) hohe Einkünfte.

Während des 4. nationalen IPBES Forum im Januar in Bonn wurden weitere Knackpunkte diskutiert. Wie groß soll die räumliche Ausdehnung des Assessments wirklich gehen, sollen Ozeane eingeschlossen sein? Welche Skala wird adressiert, geht es um Arten und Ökosysteme, oder auch um Genotypen? Ist Tourismus nicht nur Leidtragender, sondern auch Verursacher von Schäden durch invasive Arten?

Im Assessment würde nicht nur das Feld umfassend dargestellt werden, sondern auch ein Überblick über Managementmaßnahmen gegeben werden. Dabei sollen nicht nur direkte Faktoren, wie sie beispielsweise über Handel identifizierbar sind, dargestellt werden, sondern auch der Einfluss verschiedener Politiken aufgearbeitet werden und weitere Akteure identifiziert werden.

Angesichts der hohen ökonomischen Schäden durch invasive Arten, die von der Europäischen Kommission []pdf] (eher konservativ) auf mehrere Millionen Euro geschätzt wurden, wirken die anvisierten Kosten für dieses Assessment von ca. 900.000 Euro überschaubar und sehr gut investiert, um das Problem der invasiven Arten einzudämmen.