UN-Naturschutzkonferenz kurz vor dem Ende – aber welchem?

Carsten Neßhöver

Egal, mit wem man nach einer Woche non-stop-Verhandlungen in Nagoya spricht: Delegationsmitglieder, Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder sogar den Journalisten: Man ist zwar (immer noch) vorsichtig optimistisch, dass es zu (guten?) Ergebnissen kommt, aber es beschleicht einen das leichte Gefühl, als ob fast jedem etwas mulmig ist ob der zunehmenden Komplexität der Verhandlungen und der Vielfalt an Baustellen. Am Ende, wenn alles klappt, wird man ca. 40 verschiedene Beschlüsse haben- mit einer immensen Breite an Themen und zunehmenden Querbezügen.

Diese Komplexität schleicht sich mehr und mehr in das globale Thema Biodiversität ein, und das schon seit mehreren Jahren: Man kommt mit „einfachen" Themen, etwa bezogen auf den Schutz und die Nutzung in einzelnen Ökosystemtypen wie Fließgewässern und Trockengebieten, nicht mehr weiter, man muss zunehmend in die Arbeitsbereiche anderer internationaler Verhandlungsprozesse eindringen. Beim Klimawandel und der Rolle der Wälder ist dies offensichtlich und zeigt sich etwa in der Anwesenheit von „Klimaprofiverhandlern" in einigen Delegationen, die wenig von Biodiversität verstehen und deren Bedeutung stets unter die der Klimadiskussion stellen. Bei anderen Themen wie der Armutsbekämpfung, dem Meeresschutz, ökonomischen Themen und zahlreichen anderen Bereichen bleibt es aber schwierig - und doch sind viele der Themen zentral, weil in ihnen die eigentlichen Ankerpunkte für ein effektives Handeln liegen.
 
Die Verbreiterung der Themen hat ihren Preis: Vor allem kleine Delegationen kommen mit ihrer Expertise an ihre Grenzen und man tendiert entweder zur Totalablehnung entsprechender Themen, oder man verleiht dem einen oder anderen Experten von außen verstärkt Gehör. An sich eine gute Sache. Wenn die Expertise jedoch von NGOs und aus der Industrie kommt, besteht auch die Gefahr der Einflussnahme und wenig objektiver Informationen. Und doch gibt es in letzter Konsequenz kaum eine Möglichkeit, wirklich den Stand des Wissens in die Verhandlungen einzubeziehen. Meistens ist der zwar irgendwo in den zahlreichen guten Studien und Reports, die in Nagoya auf den Gängen liegen, adäquat beschrieben, aber das ist in der „Hitze der Verhandlungen" dann eben nicht verfügbar. 

Wie man dies in Zukunft besser bewerkstelligen kann, ist eine zentrale Frage. Die Einrichtung einer Internationalen Science-Policy Plattform zur Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen (IPBES) ist sicherlich ein wichtiger Baustein. Aber ihre Einrichtung ist weiterhin unsicher, wenn Nagoya keine Ergebnisse liefert. Aber die Herausforderungen reicht weiter: Ein Expertengremium kann Hilfestellung geben, aber die Komplexität des Themenfeldes nicht reduzieren. So müssensich die CBD und ihre Vertragsparteien auf Dauer die Frage stellen, wie eine adäquate, wissensbasierte Arbeit überhaupt noch möglich ist. Denn der derzeitige Modus der Verhandlungen scheint bei der Komplexität der Themen schlicht an seine Grenzen zu stoßen.

Die Antwort liegt dabei vielleicht, zumindest in Teilen, auf der anderen Seite des Kongreßzentrums: Während die Verhandlungen in zwei Gebäuden auch in den Pausen und am Abend in informellen Gruppen, Kontaktgruppen und Arbeitsgruppen weiterlaufen, treffen sich im anderen Gebäude NGOs, internationale Institutionen, Wissenschaft und andere Expertinnen und Experten zu über 350 Side-Events: Erfahrungen werden ausgetauscht, Lösungen präsentiert, Netzwerke geknüpft. Meistens geht es pragmatisch und lösungsbezogen zu. Kritische Themen werden offen diskutiert. Biodiversitätsverlust ist ein Thema das viele Lösungsansätze braucht – und diese sind so divers wie ihr Thema.